Willkommen beim AEU

Wirtschaftliches Handeln und Unternehmertum sind wesentliche Elemente unserer Gesellschaft. Dieses Handeln ist nur auf der Basis ethischer Werte nachhaltig erfolgreich. Die fortschreitende Globalisierung unserer Welt ist zugleich Herausforderung und Chance, diese Werte zu leben - damit unternehmerisches Handeln verantwortliches Handeln ist.

Die zunehmende Komplexität unserer globalen Wirtschaftsordnung verlangt nach einer wirkungsvollen und nachvollziehbaren Werteordnung. Diese findet sich im christlichen Glauben.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer ist die Brücke zwischen Wirtschaft und Evangelischer Kirche. Wir vermitteln Grundsätze, erklären Hintergründe und beleben Diskurse zu aktuellen Themen.

 

PURPOSE 2020: Was ist der Sinn meines unternehmerischen Tuns?

Was treibt mich an? Worin liegt der Sinn meines unternehmerischen Handelns? Welches Menschenbild liegt meinem Tun zugrunde? Diese Leitfragen strukturierten die von AEU-Vorstandsmitglied Stephanie Renda, Startup-Gründerin und Beraterin zu Aspekten der digitalen Transformation, und AEU-Mitglied Paul von Preußen, Gründer des Netzwerks digital8.ai, initiierte und organisierte Online-Konferenz PURPOSE 2020 am 11. Oktober 2020. Als weiteren Beitrag zur Entfaltung des Schwerpunktthemas "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" bot diese interaktive und partizipative Online-Konferenz Raum und Rahmen, unter Einbeziehung von Startup-Unternehmerinnen und -Unternehmern Überlegungen zu einem zukunftsfähigen Gesellschaftsentwurf zu entwickeln.

"Ich glaube, daß die Soziale Marktwirtschaft als Modell deswegen so erfolgreich ist, weil eine befriedete Gesellschaft anders arbeitet und lebt. Sicherheit und Freiheit sind ein unglaublich hohes Gut, dessen Wert man erst dann schätzt, wenn man es vermißt", konstatierte Regionalbischöfin Dr. Petra Bahr, Theologische Beraterin des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer von 2012 bis 2015, in ihrem einführenden Impuls.

Ein thematischer Schwerpunkt der Online-Konferenz war die Diskussion zwischen Bischof a. D. Professor Dr. Wolfgang Huber, von 2003 bis 2009 Vorsitzender des Rates der EKD, und dem Co-Vorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Dr. Robert Habeck, zur Frage, wie ein zukunftsfähiger Gesellschaftsentwurf aussehen müßte und welche Rolle und Verantwortung Unternehmern und Unternehmen darin zukäme. Sowohl Habeck als auch Huber sprachen sich für die Weiterentwicklung des Modells der Sozialen Marktwirtschaft aus. "Die Kirche hat die Notwendigkeit erkannt, das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zu verteidigen. Die Erfahrungen mit der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/2009 haben die Notwendigkeit offengelegt, das Konzept um die Dimension der ökologischen Verträglichkeit bzw. der Nachhaltigkeit sowie um das Prinzip der internationalen Gerechtigkeit zu ergänzen", erläuterte Huber unter Verweis auf den 2009 veröffentlichten Text des Rates der EKD "Wie ein Riß in einer hohen Mauer". "Gutes Wirtschaften heißt nicht nur, den Shareholder im Blick zu haben. Wir müssen ein Konzept wirtschaftlicher Verantwortung entwickeln, in dem alle betroffenen Interessengruppen einer Unternehmung beteiligt werden", so Huber. Aktuell stelle sich diese Aufgabe etwa bei den Lieferketten.

Für Habeck sind "Märkte die effizientesten Instrumente, um Innovationen, Veränderungen und Kreativität zu fördern". Auch Habeck betonte das Ziel, das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft um ökologische Aspekte zu ergänzen. Er unterstrich den Bedarf an kluger Regulierung, die die Effizienz und Innovationskraft des Marktmechanismus auf den gesellschaftlichen Nutzen ausrichtet, indem sie die richtigen Anreize setzt. "Hätten wir Regeln, die umweltfreundliches statt umweltschädliches Wachstum fördern, bräuchten wir hinterher nicht zu kontrollieren, um ökologische Folgeschäden zu vermeiden", so Habeck.

Für beide spielte in der Diskussion über einen zukunftsfähigen Gesellschaftsentwurf der Mensch und seine Freiheit eine zentrale Rolle. "Freiheit ist dabei nicht als die isolierte Freiheit des Einzelnen zu betrachten, sondern als kommunikative, kooperative, mit anderen geteilte Freiheit zu verstehen“, so Huber. Für Habeck heißt das, in der politischen Auseinandersetzung wahrzunehmen, daß alle Gruppen in einer Gesellschaft für sich berechtigte Interessen haben, die es zu verstehen und wahrzunehmen gilt, um bei gesellschaftlichen Konflikten zu tragfähigen Lösungen zu finden. Diese Freiheit sei bei mancher Entwicklung, die sich im Zuge der Digitalisierung ergebe, gefährdet. So wollte Habeck zwar keinen "technikfeindlichen Sound" anstimmen, weil er um die Chancen der Digitalisierung wisse. Und doch habe Europa die Aufgabe, zwischen den beiden Extremen der kommerziellen Ausbeutung der sozialen Medien und der Tribalisierung des Diskurses in den USA auf der einen und der autoritären Anwendung digitaler Tools durch die chinesische Staatspartei auf der anderen Seite einen Weg zu beschreiben, "wie Humanität im digitalen Zeitalter gewahrt bleiben kann." Dabei sei die europäische Datenschutzgrundverordnung ein erster Schritt gewesen. Was noch fehle, sei "ein öffentlich-rechtlicher bzw. werbefreier Raum für digitale Kommunikation". An diesem werde bereits gearbeitet. Daß zur Freiheit die Verantwortung gehört, wurde in dem Appell deutlich, den Huber zum Schluß des Gesprächs an die Leitungspersönlichkeiten der Wirtschaft richtete. Sie sollten sich noch viel mehr in die öffentliche Debatte einschalten und insbesondere positiv formulieren, wie für sie eine gute Form der Regulierung aussehen würde, die im Interesse der Gesellschaft als ganzer sei.

Der Vorsitzende des AEU, Friedhelm Wachs, würdigte das Konzept der Online-Konferenz "als einen vielversprechenden neuen Weg zur interaktiven Kommunikation ohne physische Grenzen".

 

Daniel Hoster: "Christen sind stark, wenn sie schwach sind."

"Was will Gott für Dich, Deine Firma und unsere Gesellschaft?" war die Leitfrage der christlichen Führungskräfte-Konferenz vom 2. bis 4. Oktober 2020 im christlichen Gästezentrum Schönblick in Schwäbisch Gmünd. AEU-Vorstandsmitglied Daniel Hoster, Mitglied der Geschäftsleitung Wealth Management der BNP Paribas S. A., erläuterte in seinem Impulsvortrag "Inspirierend führen, mit Impact investieren, Innovationen wagen", Mitarbeiter merkten schnell, ob man als christlicher Chef nur oberflächlich stark sei. "Wir sind dann inspirierend und wirksam, wenn wir selbst mit einer Situation ringen und wenn wir am Ende unserer Kraft und Weisheit sind", so Hoster. Einen weiteren Vortrag hielt AEU-Mitglied Oliver Stier, Sprecher des Vorstandes des Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e. V.

Die Konferenz MUT2020 mit 350 Gästen ist ein Gemeinschaftsprojekt der deutschsprachigen christlichen Geschäftsleute-Organisationen und weiterer Partner.

 

Dr. Fritz-Heinz Himmelreich verstorben

Dr. Fritz-Heinz Himmelreich galt als Philosoph unter den Hauptgeschäftsführern der deutschen Unternehmerverbände. In gesellschaftspolitisch bewegter Zeit vermittelte er dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer mit seiner ordnungspolitischen Überzeugung und seinem fachlichen Rat als Mitglied des Vorstandes (1988 bis 2000) Perspektive und Orientierung.

Fritz-Heinz Himmelreich wurde 1930 als Sohn eines evangelischen Theologen und Studienrats in Essen geboren. Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaftslehre in Freiburg und Köln; Walter Eucken und Wilhelm Röpke haben seine ordnungspolitische Grundhaltung geprägt. Nach einer Promotion begann er seine Tätigkeit bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), wo die Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik Schwerpunkt seiner Arbeit waren. Von 1989 bis 1996 hat er sich als Hauptgeschäftsführer der BDA nach der Wiedervereinigung für die Idee der Sozialpartnerschaft eingesetzt und den Aufbau der sozialpolitischen Strukturen in den neuen Bundesländern maßgeblich begleitet.

Er war Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD. Sein Wissen und seine Erfahrungen sind auch in die (Wirtschafts-)Denkschrift "Gemeinwohl und Eigennutz - Wirtschaftliches Handeln in Verantwortung für die Zukunft" eingeflossen, mit der die Evangelische Kirche in Deutschland die Soziale Marktwirtschaft als eine auch aus christlicher Perspektive vertretbare Wirtschaftsordnung anerkannt hat.

Am 23. September 2020 ist der engagierte Anhänger der Freiburger Schule im Alter von 90 Jahren in Köln verstorben.

 

Friedhelm Wachs zum Vorsitzenden des AEU gewählt

Die Mitglieder des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland e. V. (AEU) haben einen neuen Vorstand gewählt. Friedhelm Wachs, Leipzig, der dem AEU-Vorstand seit 2013 als Mitglied und seit 2015 als Stv. Vorsitzender angehört, wurde zum neuen Vorsitzenden gewählt.

Weiterhin gehören dem Vorstand Professor Dr. Paul Melot de Beauregard, Düsseldorf, als Stellvertretender Vorsitzender sowie Dr. Rolf Bulander, Stuttgart, Amelie Fritsch, Gerlingen, Daniel Hoster, Kronberg, Friedrich Jüngling, Frankfurt am Main, Professor Dr. Jörg Kopecz, Bonn, und Dr. Karsten Paetzmann, Hamburg, an. Als Theologischer Berater des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer wurde Dekan Dr. Martin Mencke, Wiesbaden, wiedergewählt.

In den Vorstand neu gewählt wurde Stephanie Renda, Wiesbaden. Die Mitgründerin und frühere Geschäftsführerin der Technologie-Holding Match2blu engagiert sich für die Startup-Szene. Den Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer versteht sie als eine Plattform, auf der die Frage nach dem Sinn unternehmerischen Handelns angesichts der Herausforderungen unserer Zeit im ethischen und spirituellen Kontext diskutiert wird. Sie ist die Initiatorin der Konferenz PURPOSE 2020.

Friedhelm Wachs sieht die Verankerung des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer im Freiburger Bonhoeffer-Kreis als Verpflichtung und Aufgabe, die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Lichte des Evangeliums zu gestalten und den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung einzufordern und zu leben. "Die Frage nach dem Sinn unseres Seins und Tuns wird auch Unternehmer in Zukunft begleiten. Gerade Unternehmerinnen, Unternehmer und Führungskräfte der Wirtschaft suchen nach Antworten. Hier bietet der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer einen geschützten Raum für Begegnungen, in denen auch Fragen und Zweifel möglich sind. Um seine Aufgaben auch in Zukunft wirksam wahrnehmen zu können, wird sich der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer - wie alle Organisationen - im Sinne Joseph Schumpeters immer wieder neu erfinden müssen", so Wachs.

Der scheidende Vorsitzende, Dr. Peter Barrenstein, gehörte dem Vorstand des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer seit 1997 an, von 2002 bis 2012 als Stv. Vorsitzender; von 2012 bis 2020 leitete er den Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer als Vorsitzender. Künftig wird er dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer als Mitglied des Kuratoriums Orientierung und Perspektive vermitteln.

Zur aktuellen Zusammensetzung von AEU-Vorstand und AEU-Kuratorium

Das Presse-Echo auf die virtuelle Mitgliederversammlung und den Jahresempfang 2020 mit Kirchenpräsident Dr. Volker Jung finden Sie auf der Seite Beiträge und Berichte in den Medien.

 

Diakonisches Handeln im Zeitalter der Digitalisierung

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft grundlegend. Damit verändert Digitalisierung auch die Arbeitsfelder von Kirche und Diakonie. Zur inhaltlichen Entfaltung des Schwerpunktthemas "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" hat Pfarrer Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland - Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. skizziert, wie die Diakonie Deutschland als Spitzenverband das Thema aktuell verfolgt und gestaltet: "Wir haben eine Stabsstelle Digitalisierung ins Leben gerufen, um dem Thema organisatorisch und personell einen Ort zu geben. Momentan arbeiten wir an einer Digitalen Agenda der Diakonie. Dieser Entwurf wird in unseren Gremien diskutiert. Er soll zu einem gemeinsamen Verständnis des Transformationsprozesses und zur Konsensbildung beitragen – damit wir als Gesamtverband handlungsfähig und erkennbar werden.

Folgende Aspekte leiten uns: Der Mensch ist das Leitmotiv unseres digitalen Handelns. Menschen stehen im Mittelpunkt des diakonischen Handelns und die Menschen stehen somit auch im Mittelpunkt unserer digitalen Initiativen. Auf dieser Basis fördern wir digitale Produkte und Prozesse, die den Menschen und unseren Mitarbeitenden helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Das bedeutet auch, dass uns der Schutz der Menschen, die Achtung der Menschenwürde im digitalen Raum und bei der Nutzung digitaler Angebote wichtig ist.

Als Diakonie erreichen wir die Menschen mit unseren sozialen Angeboten in ihrer Lebenswelt. Wenn die Mediennutzungsgewohnheiten und Kommunikationskanäle der Menschen sich ändern, müssen auch wir uns diesen veränderten Bedürfnissen anpassen. Diakonie muss digital auffindbar und erreichbar kommunizieren.

Diese Digitale Agenda ist der Entwurf einer Zielvision. Um diese Ziele zu erreichen, wurden eine ganze Reihe konkrete Maßnahmen definiert, die es in den nächsten Jahren gemeinsam umzusetzen gilt. Das reicht von neuen Konferenz- und Kollaborationstools bis zu einer abgestimmten 'digital first'-policy, was Veranstaltungsformate und Dienstreisen angeht.

Um künftig als Diakonie gut aufgestellt zu sein, ist es aus meiner Sicht unerlässlich, im Verbund aus Bundesverband, Landes- und Fachverbänden, Trägern, Werken, Einrichtungen und Unternehmen unser starkes und flächendeckendes Netzwerk besser zu nutzen und neue Optionen der Kooperationen auch mit anderen Partnern wie etwa der Wohnungswirtschaft oder Nachbarschaftsinitiativen zu entwickeln und zu stärken. Eine Frucht der Digitalisierung wird sein – so hoffe ich: Dass wir als Netzwerk Diakonie im Sinne der Menschen, die sich uns anvertrauen, noch besser 'dienen und dazwischen gehen' - wie man Diakonie auch übersetzen kann. Welche Chancen wir nutzen und welche Risiken wir vermeiden wollen, haben wir selbst in der Hand." - Den vollständigen Beitrag finden Sie hier.

 

Plädoyer für Freiheit, Initiative und Eigenverantwortung

Die Covid-19-Pandemie hat zahlreiche gesellschaftliche Routinen und Arbeitsprozesse unterbrochen. Dieser umfassende Stillstand kann nicht in erster Linie durch staatliche Hilfsprogramme, sondern nur durch persönliches Engagement, Initiative und Eigenverantwortung überwunden werden.

Im Zentrum der christlichen Ethik steht der Mensch als Geschöpf und Ebenbild Gottes. Aus der unveräußerlichen Würde des Menschen leiten sich die miteinander verbundenen Prinzipien Personalität, Subsidiarität und Solidarität ab. Das Subsidiaritätsprinzip umfaßt im Spagat zwischen Interventionsverbot und Unterstützungsgebot sowohl die individuelle Personalität als auch die gemeinschaftliche Solidarität. Vor diesem Hintergrund sind staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen regelmäßig auf ihre Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit zu überprüfen, um Freiraum für das eigenverantwortliche Handeln des einzelnen zu schaffen und zu bewahren.

Bereits Ludwig Erhard warnte eindrücklich vor der entmündigenden Wirkung einer umfassenden staatlichen Risikovorsorge: "Wenn dagegen die Bemühungen der Sozialpolitik darauf abzielen, dem Menschen schon von der Stunde seiner Geburt an volle Sicherheit gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu gewährleisten, d. h. ihn in einer absoluten Weise gegen die Wechselfälle des Lebens abschirmen zu wollen, dann kann man von solchen Menschen einfach nicht mehr verlangen, daß sie das Maß an Kraft, Leistung, Initiative und anderen besten menschlichen Werten entfalten, das für das Leben und die Zukunft der Nation schicksalhaft ist und darüber hinaus die Voraussetzung einer auf die Initiative der Persönlichkeit begründeten 'Sozialen Marktwirtschaft' bietet." ("Wohlstand für alle", 1957)

Professor Dr.-Ing. e. h. Dr. techn. Berthold Leibinger (1930-2018), der unserem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer von 2000 bis 2012 als Mitglied des Kuratoriums Perspektive und Orientierung vermittelt hat, hatte bereits 2001 deutlich gemacht: "An erster Stelle, so meine ich, muß in der Tat das Bekenntnis zur Eigenverantwortung stehen. Der Glaube, daß der Staat für alles und der einzelne für fast nichts verantwortlich sei, lähmt unsere Gesellschaft. … Das immer feinmaschigere Sicherungssystem bringt viele Menschen um das Glück, durch eigene Initiative etwas erreicht zu haben. Die Erziehung zur Unselbständigkeit ist ein Angriff auf die Würde des Menschen. Der selbstverantwortliche Bürger ist stolz auf seine Unabhängigkeit und die Freiheit seines Handelns."

Dieses Plädoyer für Freiheit, Initiative und Eigenverantwortung ist für den Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer bei der Gestaltung der künftigen Aktivitäten gerade angesichts der aktuellen Herausforderungen durch die Covid-19-Pandemie Ansporn und Orientierung.

 

 

Bereitschaftstelephon für wirtschaftsbezogene Seelsorge in der Krise

Für alle Menschen, die durch die Folgen der Covid-19-Pandemie in ihrer beruflichen oder wirtschaftlichen Situation besonders betroffen sind, ist unter der Rufnummer 0800 330 15 15 ein Bereitschaftstelephon für wirtschaftsbezogene Seelsorge in Krisenzeiten eingerichtet. Dieses spezifische Angebot wird von Seelsorgerinnen und Seelsorgern aus dem Evangelischen Verband Kirche Wirtschaft Arbeitswelt (KWA) und dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in Deutschland e. V. (AEU) gemeinsam getragen. Ihre Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge und Strukturen sowie ihre Erfahrungen im Umgang mit beruflichen und betrieblichen Krisen sind Grundlage für diesen besonderen Dienst. Das Bereitschaftstelephon für wirtschaftsbezogene Seelsorge in Krisenzeiten ist von 10.00 bis 22.00 Uhr erreichbar und ergänzt das Angebot der evangelischen Telephonseelsorge, die unter der Rufnummer 0800 111 01 11 rund um die Uhr erreichbar ist.

"Eine Häufung von Zwangslagen, in denen selbst verantwortungsvollste Entscheidungen grundlegende ethische Probleme aufwerfen, ist kennzeichnend für den gegenwärtigen Ausnahmezustand", beschreibt Oberkirchenrat Dr. Ralph Charbonnier, Leiter des Referats für sozial- und gesellschaftliche Fragen im Kirchenamt der EKD, die aktuelle Situation. Doch selbst wenn derzeit viele heikle Entscheidungen mit höchster Gewissenhaftigkeit und Ausgewogenheit getroffen würden, blieben die Verantwortlichen angesichts der Konsequenzen ihrer Beschlüsse oft mit dem Gefühl von Ohnmacht oder Wut zurück. Deshalb müsse die Corona-Krise nicht nur eine Zeit umsichtigen Krisenmanagements, sondern auch der Seelsorge sein. "Wir brauchen gerade jetzt mehr Räume und Möglichkeiten, in denen die Menschen ihren Schmerz zulassen können - vor ihrer Mitwelt, aber auch vor Gott," so Charbonnier.

Vor diesem Hintergrund unterstützt der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer das Bereitschaftstelephon für wirtschaftsbezogene Seelsorge in Krisenzeiten in der Hoffnung, daß dieses Angebot möglichst wenig in Anspruch genommen werden muß.

 

Gedenken an Dietrich Bonhoeffers Wirken im Freiburger Kreis

Am Gründonnerstag, dem 9. April 2020, wird des 75. Todestages von Dietrich Bonhoeffer gedacht, auf dessen Denken und Wirken - vor allem im "Freiburger Kreis" ab 1942 - der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer unmittelbar zurückgeht und seine Arbeit bis heute beruht. Der lutherische Theologe, geboren am 4. Februar 1906 in Breslau, ermordet am 9. April 1945 im KZ in Flossenbürg, hatte die Arbeit des "Freiburger Kreises" initiiert und die Entstehung der für die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft belangreichen Denkschrift inspiriert und begleitet.

Um die Engländer dazu zu bewegen, in Deutschland einer neuen Regierung nach dem geplanten Sturz Hitlers Zeit zu lassen, die Verhältnisse selbst zu ordnen, hatte sich Dietrich Bonhoeffer im Mai 1942 mit George Bell, dem Bischof von Chichester, in der kirchlichen Akademie Sigtuna in Schweden getroffen. Am 9. Oktober 1942 suchte Bonhoeffer Constantin von Dietze und Erik Wolf in Freiburg auf und bat die Wissenschaftler im Auftrag der "Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche" um eine Programmschrift , "in der womöglich alle Hauptzweige des öffentlichen Lebens unter den Gesichtspunkten christlicher Sozialethik behandelt werden sollten."

Ein konspirativ tagender Arbeitsausschuß, dem zunächst nur die Freiburger Nationalökonomen Constantin von Dietze, Walter Eucken und Adolf Lampe sowie der Historiker Gerhard Ritter angehörten, bereitete diese Programmschrift unverzüglich vor. Der Haupttext wurde von Gerhard Ritter ausgearbeitet; die für die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft belangreiche Anlage 4 (Wirtschafts- und Sozialordnung) wurde von den drei Nationalökonomen gemeinsam formuliert. Nachdem von Dietze zweimal zu einer Vorbesprechung des Entwurfs der Denkschrift mit Bonhoeffer in Berlin zusammengetroffen war, fand bereits vom 17. bis 19. November 1942 im Hause der Familie von Dietze in Freiburg eine dreitägige Geheimtagung statt, auf der der Hauptteil der Denkschrift sowie die beiden bereits vorliegenden Anlagen beraten wurden. Neben den Freiburger Wissenschaftlern haben an dieser Geheimtagung folgende Personen teilgenommen: Carl Goerdeler, der frühere Leipziger Oberbürgermeister und Organisator des zivilen Widerstandes, Otto Dibelius, Generalsuperintendent der Kurmark und Vorsitzender des Rates der EKD von 1949 bis 1961, der evangelische Theologe Helmut Thielicke im Auftrag des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm, dem ersten Vorsitzenden des Rates der EKD von 1945 bis 1949, sowie als Fachmann und Vertreter der "Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche" der evangelische Unternehmer Walter Bauer, der 1966 als erster Vorsitzender den Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer mitgegründet hat.

Als Ergebnis dieser konspirativen Beratungen wurden die Entwürfe überarbeitet sowie weitere ergänzende Anhänge in Auftrag gegeben. Nachdem in allen wesentlichen Punkten Übereinstimmung erzielt war, wurden die Arbeiten an der Denkschrift "Politische Gemeinschaftsordnung - Ein Versuch zur Selbstbesinnung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit" im Januar 1943 abgeschlossen. Das Typoskript mit allen nachträglichen Änderungen und Ergänzungen wurde von Gerhard Ritter auf dem Hiera-Hof in Saig im Hochschwarzwald versteckt. Nach der als "Stunde Null" apostrophierten Zäsur der Sommermonate 1945 ist die Denkschrift des Freiburger Bonhoeffer-Kreises bei der Entwicklung und Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft als einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung wirksam geworden.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer wird das Vermächtnis des Freiburger Bonhoeffer-Kreises wahren und sich auch in Zukunft für eine von christlicher Haltung geprägte freiheitliche Wirtschaftsordnung einsetzen. Auch wenn in der gegenwärtigen Situation zunächst gesundheits- und wirtschaftspolitische Fragen im Vordergrund stehen, zeichnet sich ab, daß die sich - ohne breite Diskussion - vollziehenden staatspolitischen Veränderungen, wie freiheitseinschränkende Maßnahmen, Staatsbeteiligung an Unternehmen, Machtverschiebung von der Privatwirtschaft zum Staat etc., Anlaß zu Sorge geben.

Deshalb wollen wir diskutieren, wie die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie, die sich aus der Digitalisierung ergebenden Herausforderungen, Fragen der praktischen Unternehmensverantwortung im nationalen wie globalen Kontext bzw. die Steuerung des Einsatzes von endlichen Ressourcen und Energie (auch im Hinblick auf die Entwicklung des Klimas) mit marktwirtschaftlichen Instrumenten im Lichte eines christlichen Menschenbildes gelöst werden könnten.

Am 5. April 1945 - wenige Tage vor Kriegsende - befahl Adolf Hitler die Ermordung der letzten Beteiligten am Attentat vom 20. Juli 1944. Bei der Verabschiedung von seinen Mitgefangenen am 8. April 1945 in Flossenbürg hinterließ Bonhoeffer in der Zuversicht seines Glaubens an die Auferstehung seinem Freund George Bell, Bischof von Chichester, die Botschaft: "Dies ist für mich das Ende, aber auch der Anfang."

 

Dr. Martin Mencke: In der Krise zeigt sich, was wirklich trägt

Das war ja mal so ein Spruch: "Ich hab die Krise."' Meist von Jugendlichen cool dahergesagt. Heute haben wir sie alle, leben im Krisenmodus und finden das gar nicht so toll. Denn was passiert mit den Spargeln im Boden? Der Aushilfe im Café? Der Miete für das Geschäft? Wie wird es werden in der Schule, wenn die Kinder nach sechs Wochen sehr unterschiedlichen Zu-Hause-Unterrichts wieder in die Schulen gehen werden? Und was erst, wenn sie dann immer noch nicht in die Schule gehen dürfen? Von den Feiern, den Festen, den Urlauben, dem Sport gar nicht zu reden.

In der Krise wird deutlich, was trägt. Im alten Griechenland bedeutete es auch: vor Gericht stehen. Da erweist sich, was hält, an diesem Wendepunkt. Und das Neue Testament redet unbefangen vom Tag des Gerichts, der kommen wird, einem Tag der Krise.

Was zeigt sich in dieser Krise? Die Hilfsbereitschaft ist überwältigend. So wie manchmal die Sorge um das Klopapier auch. Beides ist da. Und doch breitet sich keine Panik aus. Das Vertrauen in Strukturen und Personen hält und trägt. In die Versorgung bei Ärzten und in Krankenhäusern. Die Regeln zur Vermeidung von Ansteckungen. Die Hilfen für Unternehmen. Die Unterstützung für Kurzarbeit. Die Notfallbetreuung der Kinder. Unglaublich, mit wie viel Einsatz, Überstunden, Neuen Medien und Möglichkeiten in der Krise gearbeitet wird. Zu welcher Größe Menschen fähig sind. Das zeigt sich, in dieser Krise.

Und es zeigt sich auch, dass Menschen sich dessen vergewissern, was sie selbst trägt. Über die Organisation in der Krise und die Sorge um Mitmenschen hinaus. Die Suche nach Orientierung und Vergewisserung ist groß. Pfarrer sind laufend im Gespräch. Mehr und mehr probieren aus, wie sie mit Neuen Medien, Streaming-Gottesdiensten und digitalen Angeboten bei und mit den Menschen sein können. Diese Angebote werden abgefragt. Hunderte schalten sich auf Gottesdienste auf. Die Leitungen laufen heiß. In der Krise zeigt sich, was wirklich trägt.

Für Christen ist die eigentliche Krise schon lange her. Sie ereignete sich am Kreuz. Es war gar nicht klar, wie es weitergehen würde mit diesem Jesus von Nazareth, so, wie sein Lebensweg verlaufen war. Angeeckt an jeder Ecke mit seiner Botschaft von der Liebe Gottes. Und dann als Schwerverbrecher hingerichtet.

Gott selbst war damit in der Krise. Und hat sie dann für sich entschieden: Dass Leben sein sollte – und nicht der Tod. Dass Liebe sein sollte – und nicht der Hass. Dass Hoffnung sein sollte – und nicht Verzweiflung. Deshalb erwarten Christen am Tag des Gerichts den Gott, der Liebe ist. Und in der Krise einen Gott, der mitgeht, der tröstet, ja, der selbst die Hoffnung ist.

In der Krise zeigt sich, was wirklich trägt.

 

Keine Angst vor KI - Veränderungen müssen gestaltet werden

Wer entscheidet über die Anzeige von Suchergebnissen? Über die Einstufung einer Kreditanfrage? Über einen Versicherungstarif? Über die Wahl einer Navigationsroute? Über die Einstufung einer medizinischen Diagnose? Die Frage, wie sich KI-basierte oder -unterstützte Entscheidungsverfahren grundsätzlich in Wirtschaft und Gesellschaft auswirken, stand im Mittelpunkt der Kooperationstagung "Wer hat's entschieden? - Ethische Konsequenzen KI-basierter Entscheidungen in Wirtschaft und Gesellschaft" am 24./25. Oktober 2019 in Bad Boll, die vom Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer, der Evangelischen Akademie Bad Boll, der Hochschule für Technik Stuttgart und der FOM Hochschule Mannheim ausgerichtet wurde.

Aus der Sicht eines Versicherungsunternehmens und eines Automobilunternehmens wurden exemplarisch zukünftige Anwendungsperspektiven vorgestellt: Mit den Leitlinien der Europäischen Union zu "Trustworthy AI" auf der einen, den "Digital Ethics Guidelines on AI" der Deutschen Telekom AG auf der anderen Seite wurden Vorschläge diskutiert, wie diese Anwendungsperspektiven durch einen ethischen Rahmen fundiert werden sollen. Im Kamingespräch betonte Landesbischof Dr. h.c. Frank O. July, Evangelische Landeskirche in Württemberg, daß das Selbstverständnis des Menschen durch Künstliche Intelligenz herausgefordert werde und dem Menschen möglicherweise eine neue Kränkung bevorstehe. Diese könne seine Sonderstellung infrage stellen. Demgegenüber müsse es darum gehen, Handeln und Verantwortung auf ethischer Grundlage weiterhin zusammenzuhalten.

Dr. Christoph Peylo, Global Head des Bosch Center for Artificial Intelligence, machte als Mitglied der High-Level Expert-Group der Europäischen Kommission zum Thema Künstliche Intelligenz deutlich, daß sich die EU-Leitlinien ethisch an einem Konzept des "Good Life" orientieren, in das unterschiedliche ethische Ansätze einfließen. "Grundlegende ethische Aspekte müssen aber weiterhin als gesellschaftliche Aufgaben – gerade auch in christlicher Perspektive – wahrgenommen werden, die nicht an die Programmierung maschineller Systeme delegiert werden können." Als Beispiele nannte er die Würde des Menschen, die Verhinderung von Ausgrenzung und die Bekämpfung von Ungerechtigkeit. Dabei sei die Steigerung der menschlichen Intelligenz im Umgang mit den KI-Systemen und für die gesellschaftliche Gestaltung angesichts zunehmender Komplexität von entscheidender Bedeutung.

In der abschließenden Diskussion zur Frage "Werden wir klüger durch KI?" wurden die Herausforderungen und Ambivalenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz deutlich: So gab es unterschiedliche Positionen auf die Frage: "Wie kommen wir im Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz aus der Defensive heraus?". Von "Wir werden nicht intelligenter, sondern klüger" bis "Filme wie 'I Robot' zeigen schon heute, wie es möglich ist, mit Robotern zu leben. Der Mensch neigt dazu, diese Dinge zu akzeptieren". Auch vor einer gesellschaftlichen Spaltung wurde gewarnt: "Einige werden klüger werden. Andere werden vieles, was den Menschen ausmacht, an die Maschinen delegieren."

Optimistischer äußerten sich die Teilnehmenden der Abschlußdiskussion auf die Frage wie gesellschaftliche Verantwortung für eine gemeinwohlfördernde Nutzung von Künstlicher Intelligenz verankert werden könne: "KI wird für uns wirtschaften. Dann haben wir mehr Zeit uns selbst zu verwirklichen und unser Leben zu gestalten." Sogar als mögliche Lösung von gesellschaftlichen Schlüsselproblemen wird KI gesehen: "Jetzt kommen Alte oft ins Pflegeheim, weil sie niemand betreut. Intelligente Roboter sind allemal besser als die Menschen allein zu Hause zu lassen." Allerdings werden dazu neue Wege zur Finanzierung notwendig: "Wenn weniger Menschen arbeiten (müssen), werden sie Sozialkassen leerer sein. Neue Finanzierungsmodelle für das Gemeinwohl werden gebraucht." Mit dem weiteren Rückgang des Arbeitsanteils an der Wertschöpfung müßte die Finanzierungsgrundlage anders verfaßt werden. Aber eine "Maschinensteuer" dürfte kein Innovationshemmnis werden.

Die Einschätzung: "Keine Angst vor der KI, aber die gesellschaftlichen Veränderungen müssen gestaltet werden" faßt das Ergebnis der Diskussionen im Sinne eines Zwischenergebnisses zusammen. Bei diesem Prozeß sind Bildung und ein ethischer Diskurs gefordert. Wiederholt wurde die Erwartung an die Kirche, ihre Einrichtungen und Werke formuliert, sich intensiver und wahrnehmbarer in die aktuelle Diskussion einzubringen, um die ethischen Dimensionen der Entwicklung und Anwendung von KI mitzugestalten. Die skeptische Diagnose, die kirchliche Diskussion könnte bereits den Anschluß verpaßt haben, wurde mit der Aussicht beantwortet, daß angesichts der dynamischen Entwicklung ein kirchlicher Beitrag an jedem Punkt neu einsetzen könne. Dieser müsse aber auf der Höhe der Zeit sein und den Punkt treffen. Die Fortsetzung dieser Tagungsreihe am 20./21. November 2020 wird gerade auf diesen Punkt hinarbeiten.

 

Wachs: Auch im Internet ethische Orientierung geben

Nach dem Attentat am 9. Oktober 2019 in Halle steht unsere Gesellschaft am Scheideweg: Soll die digitale Welt stärker der staatlichen Kontrolle unterworfen werden? Oder finden wir einen Weg, eine freie digitale Gesellschaft zu gestalten? Welche Grenzen gilt es zu schützen und welche roten Linien sind zu ziehen? Der digitale Wandel ist eine Herausforderung, die die Entscheider in Politik, Wirtschaft und Kirche vor immer neue - alte - Fragen stellt.

Auf dem gemeinsamen Empfang der Evangelische Landeskirche in Mitteldeutschland und der regionalen Arbeitsgruppe des AEU in Mitteldeutschland unter dem Rahmenthema "Um unseres Menschenbildes Willen …: Wie der Wandel in eine freie digitale Gesellschaft gelingen kann - Herausforderungen für Politik, Unternehmen und Kirche" diskutierten am 22. Oktober 2019 in Magdeburg Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Klemens Gutmann, Vorsitzender des Verwaltungsrates der regiocom SE und Präsident der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalts, und Landesbischof Friedrich Kramer, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, unter der Moderation von Friedhelm Wachs, Stv. Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer und Sprecher der regionalen Arbeitsgruppe des AEU in Mitteldeutschland.

Nach Einschätzung von Ministerpräsident Dr. Haseloff sind die Gründe für das Handeln des Täters in Halle nicht allein im Internet oder in Videospielen, sondern vorrangig in seinen Lebensumständen zu suchen. Dennoch fehle es im digitalen Raum - anders als im Fußballsport oder der klassischen Medienlandschaft - an Regularien, Gesetzen und entsprechender Rechtsprechung. In Deutschland könnte die Verpflichtung zur Angabe des Klarnamens eine Option sein, doch hält der Politiker "Wohlverhaltenskontrollen" wie in China für problematisch.

Auch Landesbischof Kramer machte deutlich, daß die Digitalisierung nicht nur technisch zu sehen ist. "Das Netz zeigt, wie der Mensch ist. Wir brauchen Normen, das ist für Christen eine große Aufgabe", so Kramer. Bei der Vermittlung christlicher Werte im Internet befürchtet er eine zunehmende Verflachung. Die Erfahrungen mit eigenen digitalen Angeboten zeigten, daß einige - etwa die zum Gebet - gut funktionierten, andere schwieriger seien - so etwa solche zur Glaubensvermittlung. Sicher aber sei: "Unser Herrgott wird uns nicht allein lassen, auch nicht mit dem Netz", so der Landesbischof.

"Aus der Bibel ergibt sich das Bild des freien Menschen, der gleichzeitig Verantwortung trägt. Deshalb ist es an uns, ethische Orientierung zu geben und uns in diesen Tagen nicht hinter Verboten zu verstecken, sondern zu orientieren, gerade auch im Netz", forderte der Stv. AEU-Vorsitzende Friedhelm Wachs. Als Christ zitiere er in diesen Tagen gerne Bonhoeffer. Denn gerade unter dem Eindruck von Terror gelte, daß es nicht zwei Räume, zwei Wirklichkeiten gibt: "Es gibt nicht zwei Wirklichkeiten, sondern nur eine Wirklichkeit, und das ist die in Christus offenbar gewordene Gotteswirklichkeit in der Weltwirklichkeit." Das Digitale sei Teil unserer alltäglichen Wirklichkeit. "Angesichts des permanenten Wandels in der Welt ist es eine bleibende Aufgabe, täglich neu klare ethische Orientierung aus unserem christlichen Menschenbild heraus zu geben, gerade auch in der Kommunikation im Internet", so Wachs.

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