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Willkommen beim AEU

Wirtschaftliches Handeln und Unternehmertum sind wesentliche Elemente unserer Gesellschaft. Dieses Handeln ist nur auf der Basis ethischer Werte nachhaltig erfolgreich. Die fortschreitende Globalisierung unserer Welt ist zugleich Herausforderung und Chance, diese Werte zu leben - damit unternehmerisches Handeln verantwortliches Handeln ist.

Die zunehmende Komplexität unserer globalen Wirtschaftsordnung verlangt nach einer wirkungsvollen und nachvollziehbaren Werteordnung. Diese findet sich im christlichen Glauben.

Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer ist die Brücke zwischen Wirtschaft und Evangelischer Kirche. Wir vermitteln Grundsätze, erklären Hintergründe und beleben Diskurse zu aktuellen Themen.

 

Keine Angst vor KI - Veränderungen müssen gestaltet werden

Wer entscheidet über die Anzeige von Suchergebnissen? Über die Einstufung einer Kreditanfrage? Über einen Versicherungstarif? Über die Wahl einer Navigationsroute? Über die Einstufung einer medizinischen Diagnose? Die Frage, wie sich KI-basierte oder -unterstützte Entscheidungsverfahren grundsätzlich in Wirtschaft und Gesellschaft auswirken, stand im Mittelpunkt der Kooperationstagung "Wer hat's entschieden? - Ethische Konsequenzen KI-basierter Entscheidungen in Wirtschaft und Gesellschaft" am 24./25. Oktober 2019 in Bad Boll, die vom Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer, der Evangelischen Akademie Bad Boll, der Hochschule für Technik Stuttgart und der FOM Hochschule Mannheim ausgerichtet wurde.

Aus der Sicht eines Versicherungsunternehmens und eines Automobilunternehmens wurden exemplarisch zukünftige Anwendungsperspektiven vorgestellt: Mit den Leitlinien der Europäischen Union zu "Trustworthy AI" auf der einen, den "Digital Ethics Guidelines on AI" der Deutschen Telekom AG auf der anderen Seite wurden Vorschläge diskutiert, wie diese Anwendungsperspektiven durch einen ethischen Rahmen fundiert werden sollen. Im Kamingespräch betonte Landesbischof Dr. h.c. Frank O. July, Evangelische Landeskirche in Württemberg, daß das Selbstverständnis des Menschen durch Künstliche Intelligenz herausgefordert werde und dem Menschen möglicherweise eine neue Kränkung bevorstehe. Diese könne seine Sonderstellung infrage stellen. Demgegenüber müsse es darum gehen, Handeln und Verantwortung auf ethischer Grundlage weiterhin zusammenzuhalten.

Dr. Christoph Peylo, Global Head des Bosch Center for Artificial Intelligence, machte als Mitglied der High-Level Expert-Group der Europäischen Kommission zum Thema Künstliche Intelligenz deutlich, daß sich die EU-Leitlinien ethisch an einem Konzept des "Good Life" orientieren, in das unterschiedliche ethische Ansätze einfließen. "Grundlegende ethische Aspekte müssen aber weiterhin als gesellschaftliche Aufgaben – gerade auch in christlicher Perspektive – wahrgenommen werden, die nicht an die Programmierung maschineller Systeme delegiert werden können." Als Beispiele nannte er die Würde des Menschen, die Verhinderung von Ausgrenzung und die Bekämpfung von Ungerechtigkeit. Dabei sei die Steigerung der menschlichen Intelligenz im Umgang mit den KI-Systemen und für die gesellschaftliche Gestaltung angesichts zunehmender Komplexität von entscheidender Bedeutung.

In der abschließenden Diskussion zur Frage "Werden wir klüger durch KI?" wurden die Herausforderungen und Ambivalenzen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz deutlich: So gab es unterschiedliche Positionen auf die Frage: "Wie kommen wir im Verhältnis von künstlicher und menschlicher Intelligenz aus der Defensive heraus?". Von "Wir werden nicht intelligenter, sondern klüger" bis "Filme wie 'I Robot' zeigen schon heute, wie es möglich ist, mit Robotern zu leben. Der Mensch neigt dazu, diese Dinge zu akzeptieren". Auch vor einer gesellschaftlichen Spaltung wurde gewarnt: "Einige werden klüger werden. Andere werden vieles, was den Menschen ausmacht, an die Maschinen delegieren."

Optimistischer äußerten sich die Teilnehmenden der Abschlußdiskussion auf die Frage wie gesellschaftliche Verantwortung für eine gemeinwohlfördernde Nutzung von Künstlicher Intelligenz verankert werden könne: "KI wird für uns wirtschaften. Dann haben wir mehr Zeit uns selbst zu verwirklichen und unser Leben zu gestalten." Sogar als mögliche Lösung von gesellschaftlichen Schlüsselproblemen wird KI gesehen: "Jetzt kommen Alte oft ins Pflegeheim, weil sie niemand betreut. Intelligente Roboter sind allemal besser als die Menschen allein zu Hause zu lassen." Allerdings werden dazu neue Wege zur Finanzierung notwendig: "Wenn weniger Menschen arbeiten (müssen), werden sie Sozialkassen leerer sein. Neue Finanzierungsmodelle für das Gemeinwohl werden gebraucht." Mit dem weiteren Rückgang des Arbeitsanteils an der Wertschöpfung müßte die Finanzierungsgrundlage anders verfaßt werden. Aber eine "Maschinensteuer" dürfte kein Innovationshemmnis werden.

Die Einschätzung: "Keine Angst vor der KI, aber die gesellschaftlichen Veränderungen müssen gestaltet werden" faßt das Ergebnis der Diskussionen im Sinne eines Zwischenergebnisses zusammen. Bei diesem Prozeß sind Bildung und ein ethischer Diskurs gefordert. Wiederholt wurde die Erwartung an die Kirche, ihre Einrichtungen und Werke formuliert, sich intensiver und wahrnehmbarer in die aktuelle Diskussion einzubringen, um die ethischen Dimensionen der Entwicklung und Anwendung von KI mitzugestalten. Die skeptische Diagnose, die kirchliche Diskussion könnte bereits den Anschluß verpaßt haben, wurde mit der Aussicht beantwortet, daß angesichts der dynamischen Entwicklung ein kirchlicher Beitrag an jedem Punkt neu einsetzen könne. Dieser müsse aber auf der Höhe der Zeit sein und den Punkt treffen. Die Fortsetzung dieser Tagungsreihe am 20./21. November 2020 wird gerade auf diesen Punkt hinarbeiten.

 

Wachs: Auch im Internet ethische Orientierung geben

Nach dem Attentat am 9. Oktober 2019 in Halle steht unsere Gesellschaft am Scheideweg: Soll die digitale Welt stärker der staatlichen Kontrolle unterworfen werden? Oder finden wir einen Weg, eine freie digitale Gesellschaft zu gestalten? Welche Grenzen gilt es zu schützen und welche roten Linien sind zu ziehen? Der digitale Wandel ist eine Herausforderung, die die Entscheider in Politik, Wirtschaft und Kirche vor immer neue - alte - Fragen stellt.

Auf dem gemeinsamen Empfang der Evangelische Landeskirche in Mitteldeutschland und der regionalen Arbeitsgruppe des AEU in Mitteldeutschland unter dem Rahmenthema "Um unseres Menschenbildes Willen …: Wie der Wandel in eine freie digitale Gesellschaft gelingen kann - Herausforderungen für Politik, Unternehmen und Kirche" diskutierten am 22. Oktober 2019 in Magdeburg Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Klemens Gutmann, Vorsitzender des Verwaltungsrates der regiocom SE und Präsident der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände Sachsen-Anhalts, und Landesbischof Friedrich Kramer, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, unter der Moderation von Friedhelm Wachs, Stv. Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer und Sprecher der regionalen Arbeitsgruppe des AEU in Mitteldeutschland.

Nach Einschätzung von Ministerpräsident Dr. Haseloff sind die Gründe für das Handeln des Täters in Halle nicht allein im Internet oder in Videospielen, sondern vorrangig in seinen Lebensumständen zu suchen. Dennoch fehle es im digitalen Raum - anders als im Fußballsport oder der klassischen Medienlandschaft - an Regularien, Gesetzen und entsprechender Rechtsprechung. In Deutschland könnte die Verpflichtung zur Angabe des Klarnamens eine Option sein, doch hält der Politiker "Wohlverhaltenskontrollen" wie in China für problematisch.

Auch Landesbischof Kramer machte deutlich, daß die Digitalisierung nicht nur technisch zu sehen ist. "Das Netz zeigt, wie der Mensch ist. Wir brauchen Normen, das ist für Christen eine große Aufgabe", so Kramer. Bei der Vermittlung christlicher Werte im Internet befürchtet er eine zunehmende Verflachung. Die Erfahrungen mit eigenen digitalen Angeboten zeigten, daß einige - etwa die zum Gebet - gut funktionierten, andere schwieriger seien - so etwa solche zur Glaubensvermittlung. Sicher aber sei: "Unser Herrgott wird uns nicht allein lassen, auch nicht mit dem Netz", so der Landesbischof.

"Aus der Bibel ergibt sich das Bild des freien Menschen, der gleichzeitig Verantwortung trägt. Deshalb ist es an uns, ethische Orientierung zu geben und uns in diesen Tagen nicht hinter Verboten zu verstecken, sondern zu orientieren, gerade auch im Netz", forderte der Stv. AEU-Vorsitzende Friedhelm Wachs. Als Christ zitiere er in diesen Tagen gerne Bonhoeffer. Denn gerade unter dem Eindruck von Terror gelte, daß es nicht zwei Räume, zwei Wirklichkeiten gibt: "Es gibt nicht zwei Wirklichkeiten, sondern nur eine Wirklichkeit, und das ist die in Christus offenbar gewordene Gotteswirklichkeit in der Weltwirklichkeit." Das Digitale sei Teil unserer alltäglichen Wirklichkeit. "Angesichts des permanenten Wandels in der Welt ist es eine bleibende Aufgabe, täglich neu klare ethische Orientierung aus unserem christlichen Menschenbild heraus zu geben, gerade auch in der Kommunikation im Internet", so Wachs.

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Militärbischof gegen gesellschaftliche Isolierung der Bundeswehr

Der Evangelische Militärbischof Dr. Sigurd Rink hat sich in dem Standpunkt "Danke, Soldatin!" für die Ausgabe August 2019 von "chrismon - Das evangelische Magazin" gegen eine Isolierung der Bundeswehr von der Gesellschaft ausgesprochen. Er würdigt die "pazifizierende Wirkung" des staatlichen Gewaltmonopols und stellt die von ihm bei seinen Einsatzbesuchen in "failing states" gemachten negativen Beobachtungen dagegen. Militärbischof Dr. Rink fordert einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert für die Bundeswehr sowie mehr Wertschätzung für die Soldatinnen und Soldaten. Nach fünf Jahren als Militärbischof und 133 Standortbesuchen plädiert er dafür, "alle Kräfte zu stärken, die die Bundeswehr in die Gesellschaft integrieren".

Dr. Sigurd Rink ist seit 2014 der erste hauptamtliche Militärbischof. Von 2002 bis 2012 war er Theologischer Berater des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer.

 

Ethischer Diskurs über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz

Die mit der Digitalisierung einhergehenden umfassenden Veränderungsprozesse können und müssen gestaltet werden. Für die Beschreibung und Formulierung möglicher Ziele, Grenzen sowie eines ordnungspolitischen (Regelungs-)Rahmens bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion im Lichte der christlichen Ethik. Als Anstoß und Grundlage für einen breiten Diskurs über die sich aus der digitalen Revolution ergebenden Fragen in evangelischer Perspektive hatte der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer im Januar 2018 den Impulstext "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" veröffentlicht. Dieser Impuls will zur Auseinandersetzung und ethischen Reflexion mit den vielfältigen Aspekten der digitalen Revolution anregen. Auf der Grundlage des Dreiklangs "sehen - urteilen - handeln" lädt der Impuls dazu ein, Lebenssachverhalte zu beschreiben und relevante Fragen zu formulieren und durch die inhaltliche Auseinandersetzung eine fundierte Haltung zum (Veränderungs-)Prozeß der Digitalisierung zu entwickeln.

Künstliche Intelligenz (KI) ist ein wesentliches Element und zugleich Folge der Digitalisierung. Ziel der (schwachen) KI ist es, menschliche Entscheidungsstrukturen nachzubilden und Computer so zu programmieren, daß sie Probleme eigenständig bearbeiten und lösen können. Dabei ist die Fähigkeit zum autonomen Lernen eine zentrale Herausforderung an KI. Mit der exponentiell wachsenden Zahl von Anwendungen Künstlicher Intelligenz stellen sich Fragen, die sowohl Prozesse in Gesellschaft, Wirtschaft und Privatleben betreffen als auch die Themen Verantwortung und des "richtigen", d. h. des ethisch gewünschten Verhaltens: Mit welchen Konsequenzen wollen wir leben - beispielsweise dann, wenn es darum geht, daß "Alexa" eine Versicherung abschließt, oder KI-basierte Geschäftsmodelle immer intensiver genutzt werden? Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer lädt dazu ein, die Frage nach ethischen Aspekten der KI im Rahmen der Tagung "Wer hat’s entschieden? - Ethische Konsequenzen KI-basierter Entscheidungen in Wirtschaft und Gesellschaft" am 24./25. Oktober 2019 in Bad Boll zu diskutieren.

Diese Kooperationstagung mit der Evangelischen Akademie Bad Boll, der Hochschule für Technik Stuttgart und der FOM Mannheim ist ein weiterer Beitrag des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer zur inhaltlichen Entfaltung seines Schwerpunktthemas 2018 bis 2020 "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive". Zugleich ist die Veranstaltung die zweite Begegnung in einer Reihe jährlicher Folgetagungen, um eine institutionenübergreifende und interdisziplinäre Plattform zur Diskussion des jeweils erreichten Fortschritts im gesellschaftlichen Diskurs zu Aspekten der KI zu schaffen. Diese jährliche Begegnung bietet interessierten Akteuren aus Unternehmen, der Kirche, ihren Einrichtungen und Werken sowie aus der Wissenschaft im 4. Quartal eines jeden Kalenderjahres Gelegenheit, sich über den aktuellen Stand der Entwicklung im gemeinsam interessierenden Themenfeld auszutauschen und dadurch diese Entwicklung mitzugestalten. (Ausschreibung | Informationen) Die nächste KI-Tagung findet am 20. und 21. November 2020 in Bad Boll statt.

 

9. November 1938 - Vom Pogrom zum Freiburger Konzil

Die Pogrom-Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 markierte den Auftakt für die vom nationalsozialistischen Regime organisierten und geleiteten Gewaltmaßnahmen gegen die Juden in Deutschland.

Bereits nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ("Machtergreifung"), der Verwirklichung des Führergedankens bzw. der Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Organisationen und dem Ausschluß der Juden von öffentlichen Ämtern setzten Professoren der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg ihre Forschungen und die Auseinandersetzung mit der politischen Lage im kleinen Kreis in der Privatsphäre ihrer Wohnungen fort. Walter Eucken hatte bereits am 21. Oktober 1935 in seinem Tagebucheintrag die Nürnberger Gesetze, die den Juden ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung aberkannten, als Sünde qualifiziert: "21.10. Alle Juden werden beurlaubt oder aus dem Staatsdienst entlassen. Überall Mißhandlungen. Diese Sünde, die das deutsche Volk begeht, indem es wehrlose Menschen seelisch und körperlich mißhandelt, wird sich an ihm furchtbar rächen. Gott ist auch ein rächender Gott."

Unter dem Eindruck der politischen Vorgänge des Herbstes und der Pogrome am 9./10. November 1938 ("Reichskristallnacht") sammelten sich um die ordoliberalen Ökonomen Constantin von Dietze, Walter Eucken und Adolf Lampe sowie den Historiker Gerhard Ritter Freiburger Christen zu monatlichen Treffen in ihren Wohnungen. "Was wir in den letzten beiden Wochen erlebt haben im Ganzen des Vaterlandes, ist das Beschämendste und Schrecklichste, was seit langen Jahren geschehen ist. Wohin sind wir gekommen!!! Eine der vielen Fragen, über die man brieflich kaum reden kann, ist eine, wie mir scheint, nun zum erstenmal doch allgemeine Scham und Empörung. Diese Schreckenswoche wird nicht so leicht wieder vergessen werden. Ach wenn man hoffen könnte, daß es der Anfang würde einer inneren Umkehr und Besinnung bei denen, die für das alles verantwortlich sind! Aber kann man das ernstlich hoffen?", schreibt Gerhard Ritter in einem Brief an seine Mutter vom 24. November 1938.

Auf der Grundlage von Referaten diskutierten die Teilnehmer des Freiburger Konzils Aspekte der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung  und setzten sich mit "den quälenden Fragen des Verhältnisses des Christen zur 'Welt' sowie der Grenze des Gehorsamsgebots (Römer 13) und des Rechts zur revolutionären Empörung wider eine 'ungerechte' Obrigkeit" auseinander. Aus der Arbeit dieses Freiburger Konzils entstand bereits im Dezember 1938 die Schrift "Kirche und Welt. Eine notwendige Besinnung auf die Aufgabe des Christen und der Kirche in unserer Zeit", die sich mit der Frage des Widerstandsrechts gegen eine Obrigkeit, die das göttliche Gebot gröblich verletzt, auseinandersetzt.

Dieser Text wurde in der Bekennenden Kirche konspirativ verteilt und bildete den Ausgangspunkt für die Arbeit des Freiburger Bonhoeffer-Kreises im Winter 1942/43 an der Denkschrift "Politische Gemeinschaftsordnung - Ein Versuch zur Selbstbestimmung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit" mit dem für die Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft belangreichen "Anhang 4: Wirtschafts- und Sozialordnung". Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer ist diesem Kreis durch seinen Gründungsvorsitzenden Dr. Walter Bauer verbunden.

 

Professor Dr. Dr. Berthold Leibinger verstorben

Professor Dr. techn. Dr. E.h. Berthold Leibinger ist am 16. Oktober 2018 im 87. Lebensjahr in Stuttgart verstorben. Er gehörte dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer seit 1994 als Mitglied an und hat dessen Entwicklung von 2000 bis 2012 als Mitglied des Kuratoriums mitgestaltet und den Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in besonderer Weise unterstützt und gefördert. Durch Rat und Tat hat er seine große unternehmerische Erfahrung auch in unser Netzwerk eingebracht und unserem Gewicht im gesellschaftlichen Dialog Kraft und Stärke gegeben.

Mit den von ihm vorbildlich gelebten Tugenden des Pietismus, Fleiß, Bescheidenheit und Wahrnehmung persönlicher Verantwortung, hat Professor Dr. Berthold Leibinger die inhaltliche Ausrichtung unseres Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer entscheidend geprägt und unserer Arbeit eine bleibende Orientierung vermittelt.

 

Wirtschaft muß für Demokratie, Freiheit und Vielfalt eintreten

"Die Wirtschaft muß mehr Gesicht zeigen für Demokratie, Freiheit und Vielfalt", forderte der evangelische Unternehmer Alexander Birken, Vorsitzender des Vorstandes der Otto Group, in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche am 5. September 2018. In seinem Appell rief Birken Unternehmer und Manager zur "aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs über die digitalisierte Zukunft in diesem Land" auf. Gerade die vielen ethisch und nachhaltig aufgestellten Unternehmen in Deutschland sollten deutlicher machen, wie sie im Sinne einer erneuerten Sozialen Marktwirtschaft Freiheit mit verantwortlichem Handeln verbinden.

Die Vertrauensarbeit müsse in den Betrieben beginnen, so Birken. "Wir erleben zurzeit ein Paradoxon. Während die gesellschaftliche Diskussion in den Netzen und Medien zunehmend von Spaltung und gegenseitigen Vorverurteilungen geprägt ist, erleben wir in vielen Unternehmen das Gegenteil. Kolleginnen und Kollegen ganz verschiedener Herkunft, Religionszugehörigkeit und Welterfahrung arbeiten zusammen. Auch die Chancen und die Zumutungen der digitalen Transformation schweißen die Menschen zusammen. Sie treibt uns Führungskräften plattes Hierarchiedenken, starre Strukturen und langen Entscheidungswege aus. Agile und schnelle Projektorganisation sind gefragt. Dahinter steckt im Kern ein Prozeß der Demokratisierung: Selbstbewußtsein, Eigenverantwortlichkeit, Kooperation und Kommunikation auf Augenhöhe sind das Ziel."

Die Wirtschaft sollte öffentlich Erklärstücke liefern, wie sich die digitale Transformation auf das Leben und Arbeiten in Zukunft auswirken könnten, fordert Birken. "Besonders am Herzen liegen mir die Themen Arbeit und Bildung. Die großen Veränderungsschübe durch die Künstliche Intelligenz sind erst in Umrissen erkennbar. Doch wir wissen schon heute, daß ganze Berufszweige entfallen und dafür neue entstehen werden. Wie unterstützen wir die Kolleginnen und Kollegen in den Unternehmen, sich auf diese neue Arbeitswelt einzustellen?", so Alexander Birken.

Mit seinem Diskursprojekt "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" leistet der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer in zahlreichen Begegnungen und Veranstaltungen zu den vielfältigen Aspekten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz einen Beitrag zur Debatte über gesellschaftliche Fragen in einer Zeit, in der die lautstarke Wiederholung von Behauptungen und Positionen das Eingehen auf Fakten bzw. den Austausch von Argumenten zu verdrängen droht.

zum vollständigen Gastbeitrag in der WirtschaftsWoche

 

Die digitale Transformation als Chance für die Arbeitswelt nutzen

Auf der Kooperationsveranstaltung der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw) mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern "Digitalisierung in der Arbeitswelt" am 12. Juli 2018 in München haben sich Unternehmer, Wirtschaftsvertreter und Experten mit dem bayerischen Landesbischof Professor Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD, über ihre Einschätzung von Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Arbeitswelt ausgetauscht. AEU-Vorstandsmitglied Dr. Paul Melot de Beauregard brachte die Position des AEU in die Diskussion ein: "Die Digitalisierung und ihre Geschwindigkeit zwingt Unternehmen und Individuen zu permanenter Bildung und lebenslangem Lernen, um die dynamische Veränderung gestalten zu können." Dr. Melot de Beauregard forderte die Politik auf, Bildung und die Aneignung von Kompetenzen im Umgang mit der Digitalisierung stärker zu fördern. Vom Ratsvorsitzenden und der Kirche wünschte er sich eine Unterstützung durch eine "Theologie der Digitalisierung". Es sei unbestrittene Aufgabe der Kirche, sich der Schwachen anzunehmen, so Dr. Melot de Beauregard. Darüber hinaus müsse die Digitalisierung aber als notwendiger und grundsätzlich wünschenswerter Prozeß begriffen und mutig zu seiner Mitgestaltung geschritten werden.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Professor Dr. Heinrich Bedford-Strohm, plädierte dafür, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, die sich ergebenden Risiken zu begrenzen und so die Digitalisierung verantwortlich zu gestalten. "Die Gesellschaft darf sich nicht in Digitalisierungsgewinner und Digitalisierungsverlierer spalten. Auch die Schwachen müssen Anteil an den Früchten der digitalen Revolution haben. Und es ist darauf zu achten, daß nicht Computer mittels Künstlicher Intelligenz die Kontrolle übernehmen, sondern es Menschen sind und bleiben, die verantwortliche Entscheidungen treffen. Datenkonzentration bedeutet Machtkonzentration. Deswegen müssen im digitalen Zeitalter neue Mechanismen der Machtkontrolle entwickelt werden", so der Ratsvorsitzende.

Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (vbw), Bertram Brossardt, forderte: "Wir müssen die Ängste vor der digitalen Transformation ablegen, den technologischen Fortschritt annehmen und die neue Arbeitswelt zu unserem Nutzen gestalten. Es werden Tätigkeiten wegfallen, aber an anderer Stelle werden mindestens genauso viele neue Berufe und Jobs entstehen. Viele davon kennen wir heute noch gar nicht." Allerdings müßten die Rahmenbedingungen angepaßt werden und das Bildungssystem so verändert werden, daß jeder Schüler, Auszubildende und Student eine informationstechnische Grundausbildung erhalte, so Brossardt. Weiterhin müsse die gesetzlich vorgeschriebene tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wochenbezogene Betrachtung ersetzt werden.

Als Anstoß und Grundlage für einen breiten Diskurs über die sich aus der digitalen Revolution ergebenden Fragen in evangelischer Perspektive hatte der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer im Januar 2018 den Impulstext "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" veröffentlicht. Dieser Impuls versteht sich nicht als ein abgeschlossener Text im Sinne eines Manifests, sondern soll im Lichte der dynamischen Veränderungen und neuer Erkenntnisse fortgeschrieben werden (können). Der Impuls will zur Auseinandersetzung und ethischen Reflexion mit den vielfältigen Aspekten der digitalen Revolution anregen. Auf der Grundlage des Dreiklangs "sehen - urteilen - handeln" lädt der Impuls dazu ein, Lebenssachverhalte zu beschreiben und relevante Fragen zu formulieren und durch die inhaltliche Auseinandersetzung eine fundierte Haltung zum (Veränderungs-)Prozeß der Digitalisierung zu entwickeln.

 

70 Jahre Währungsreform - Soziale Marktwirtschaft weiterdenken

Am 20. Juni 2018 wird in Deutschland der Währungsreform 1948 in den westlichen Besatzungszonen und damit der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft gedacht. Die Leitidee dieses von Alfred Müller-Armack theoretisch entwickelten und von Ludwig Erhard wirtschaftspolitisch umgesetzten Konzeptes war die "irenische Formel", nämlich "das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem des sozialen Ausgleichs zu verbinden".

Alfred Müller-Armack selbst definiert die Soziale Marktwirtschaft als eine ordnungspolitische Idee, "deren Ziel es ist, auf der Basis der Wettbewerbswirtschaft die freie Initiative mit einem gerade durch die marktwirtschaftliche Leistung gesicherten sozialen Fortschritt zu verbinden." Damit stellen das Konzept und die Werteordnung der Sozialen Marktwirtschaft den Menschen in den Mittelpunkt: Die freiheitliche Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft stellt ein Angebot an den einzelnen dar, sich im Rahmen der ökonomischen Abläufe optimal zu entfalten. Deshalb verlangt die Soziale Marktwirtschaft Mündigkeit und Eigenverantwortung der Bürger. Die wesentliche Aufgabe des Staates war für den fränkischen Protestanten Ludwig Erhard die Sicherung des Wettbewerbs: "'Wohlstand für alle' und 'Wachstum durch Wettbewerb' gehören untrennbar zusammen; das erste Postulat kennzeichnet das Ziel, das zweite den Weg, der zu diesem Ziel führt."

Nicht nur das ordnungspolitische Konzept, sondern auch und gerade die ethische Fundierung der Sozialen Marktwirtschaft haben ihren Ursprung und ihre christliche Grundlage in der im Winter 1942/43 konspirativ erarbeiteten und im Juli 1945 veröffentlichten Denkschrift des Freiburger Bonhoeffer-Kreises. Nach der als "Stunde Null" apostrophierten Zäsur der Sommermonate 1945 ist diese Denkschrift und insbesondere der Anhang 4 "Wirtschafts- und Sozialordnung" bei der Entwicklung und Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft als einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung wirksam geworden.

Das siebzigjährige Jubiläum der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft sowie der sich beschleunigende Verfallsprozeß des ursprünglichen ordnungspolitischen Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft und der damit verbundene Verlust von Freiheit fordern dazu heraus, sich erneut und immer wieder auf die geistigen Wurzeln und die ordnungspolitischen Grundlagen unserer Wirtschaftsordnung zu besinnen. Zu den konstitutiven Prinzipien gehören nach Walter Eucken die Geldwertstabilität, eine funktionierendes Preissystem, Privateigentum, Vertragsfreiheit, offene Märkte, das Haftungsprinzip sowie eine verläßliche Wirtschaftsordnung.

Die digitale Revolution mit der Monopolisierung bzw. Oligopolisierung ganzer Wirtschaftszweige wirft grundlegende ordnungspolitische Fragestellungen auf. Ein starker - aber nicht aller Lebensbereiche regulierender - Staat muß einen fairen Wettbewerb sicherstellen und für den sozialen Ausgleich zwischen Gewinnern und Verlieren sorgen. Anreize für wirtschaftliches Wachstum müssen sich am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientieren.

 

AEU-Forum 2018: Digitalisierung kann und muß gestaltet werden

Die mit der Digitalisierung einhergehenden umfassenden Veränderungsprozesse können und müssen gestaltet werden. Für die Beschreibung möglicher Ziele, Grenzen sowie eines ordnungspolitischen (Regelungs-)Rahmens bedarf es eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses im Lichte der christlichen Ethik, in den sich der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer und seine Mitglieder sowie die Evangelischen Kirchen einbringen müssen. Dies ist das Fazit des AEU-Forums "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" vom 27. bis 29. April 2018 in Fulda (Programm).

AEU-Forum "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive"

Im Mittelpunkt des dreitägigen Treffens standen die unternehmerischen Herausforderungen der Digitalisierung, die Frage nach einer Theologie der Innovation, die Herausforderungen für die Kirche sowie Anfragen an die evangelische Ethik. Professor Dr. Tilo Böhmann, Inhaber des Lehrstuhls für Informatik, IT-Management und Consulting an der Universität Hamburg sowie Mitglied der Synode und ehrenamtliches Mitglied der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, mahnte die Kirchen, "nicht nur zum Beobachter, sondern zum Mitgestalter der Digitalisierung zu werden".

Digitalisierung braucht eine Theologie der Innovation

Bischof Professor Dr. Martin Hein beschrieb die Digitalisierung in drei Dimensionen: als technische Innovation, als gesellschaftlichen Wandel sowie als theologische Herausforderung. Hier zeige sich jedoch ein Desiderat: "Es gibt erste Ansätze einer Philosophie, aber bisher keine wirklich valide Theologie der Technik, also keine theologische Auseinandersetzung damit, was die technische Innovation eigentlich für das Verständnis vom und für das menschliche Miteinander bedeutet", so Hein. Doch entspreche die Entwicklung der öffentlichen Kommunikation durch die Digitalisierung dem zutiefst evangelischen Grundgedanken des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Dieser Gedanke, der direkt auf Martin Luther zurückgeht, gestehe allen Christinnen und Christen die Vollmacht zur Bezeugung des Evangeliums in ihrem jeweiligen Kontext zu und sei im Kern ein partizipatorischer Gedanke, auch wenn er in der bisherigen Praxis der Kirche nur unvollkommen zum Tragen gekommen sei. "Eine der entscheidenden Wandlungen durch die Digitalisierung besteht darin, daß wir neue Formen von Transparenz und Partizipation entwickeln müssen. … Die Kirchen werden am gesellschaftlichen Prozeß teilnehmen, weil das Teil ihres Auftrags ist. Als 'Player' in der Zivilgesellschaft können und wollen sie die Herausforderungen der Zeit aktiv mitgestalten und zu den anstehenden Fragen, etwa der Barrierefreiheit, des Datenschutzes und der Wahrung der Persönlichkeitsrechte, ihre Sicht der Dinge beitragen, zugleich aber das Evangelium als Ruf in die Freiheit in den neuen Medien für alle vernehmbar und verstehbar kommunizieren. … Es bieten sich viele neue virtuelle Möglichkeiten, Menschen aufmerksam zu machen, anzusprechen und zusammenzuführen, und es braucht viel schöpferische Phantasie, verbunden mit theologischer Expertise, geistlicher Kompetenz und technischem Know-how, hier gangbare Wege zu finden. Das hat gerade erst begonnen. Auch hier gilt die Maxime des Apostels Paulus: 'Prüfet aber alles und das Gute behaltet' (1. Thessalonicher 5, 21)", faßte Bischof Professor Dr. Martin Hein seine Überlegungen zusammen.

Digitalisierung - Schwerpunktthema für die Jahre 2018 bis 2020

Als Anstoß und Grundlage für einen breiten Diskurs über die sich aus der digitalen Revolution ergebenden Fragen in evangelischer Perspektive hat der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer im Januar 2018 den Impulstext "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" vorgestellt. Dieser Impuls versteht sich nicht als ein abgeschlossener Text im Sinne eines Manifests, sondern soll im Lichte der dynamischen Veränderungen und neuer Erkenntnisse fortgeschrieben werden (können). Der Impuls soll als Schwerpunktthema für die Jahre 2018 bis 2020 zur Auseinandersetzung und ethischen Reflexion mit den vielfältigen Aspekten der digitalen Revolution anregen. Auf der Grundlage des Dreiklangs "sehen - urteilen - handeln" sollen in inhaltlichen Auseinandersetzungen zunächst Lebenssachverhalte beschrieben und relevante Fragen formuliert werden, die den (exemplarischen) Fragenkatalog des Impulstextes ergänzen.

Einladung zur Fortsetzung und Vertiefung der Diskussion

Das zunächst auf drei Jahre angelegte Diskursprojekt "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" unterstützt die beiden sich komplementär ergänzenden Ziele: Zum einen bietet der Impulstext im Sinne einer Handreichung eine Information über den alle gesellschaftlichen Bereiche umfassenden (Veränderungs-)Prozeß der Digitalisierung sowie eine Orientierungshilfe zur eigenen Meinungsbildung bzw. Positionierung. Gegenüber der Evangelischen Kirche, ihren Einrichtungen und Werken macht der Text deutlich, daß die bereits heute absehbaren Auswirkungen der digitalen Revolution auf alle gesellschaftlichen Bereiche (einschließlich Theologie, Ethik und Kirche) eine zeitnahe theologisch fundierte, breite Auseinandersetzung der Kirche erfordert. Die sich aus dem Impulstext ergebenden Themen und Fragen sollen im Rahmen weiterer Begegnungen und Veranstaltungen des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer inhaltlich entfaltet werden.

Programm          Pressebericht          Impressionen          Impulstext

 

Die evangelische Unternehmerin Ruth Merckle ist heimgegangen

Christlicher Glaube und erfolgreiches Wirtschaften haben für Ruth Merckle in ihrem unternehmerischen Handeln und in ihrem ehrenamtlichen Engagement immer zusammengehört. "Ich muß täglich viele Entscheidungen treffen, die oft weitreichend und nicht selten auch unpopulär sind. Das Wissen um Jesus Christus gibt mir Halt, so daß ich meine Verantwortung wahrnehmen kann", bekannte die evangelische Unternehmerin in einem Interview.

Als Geschäftsführerin für Unternehmenskultur und soziale Belange der Merckle/ratiopharm-Unternehmensgruppe bewies sie unternehmerischen Mut, Gespür für die Anliegen der Mitarbeitenden und Weitsicht. Angesichts einer überdurchschnittlichen Frauenquote von 65% in der Belegschaft ermöglichte sie schon frühzeitig mit über 100 verschiedenen Arbeitszeitmodellen familienfreundliche Arbeitsplätze und richtete einen Betriebskindergarten ein. Für die spezifischen Belange der in Teilzeit beschäftigten Mitarbeiterinnen stellte sie eine Pfarrerin als "Frauenreferentin" ein. Die Auszubildenden im Unternehmen durchliefen im ersten Lehrjahr ein einwöchiges Programm im Christlichen Jugenddorfwerk, im zweiten Lehrjahr eine weitere Woche im Kloster Volkenroda. Daß Ruth Merckle den Mitarbeitenden zu Weihnachten das kleine Losungsbuch der Herrnhuter Brüdergemeine schenkte bzw. die Losungen auf den Arbeitsplatzrechnern installieren ließ, war ein weiteres Zeichen für ihre evangelisch geprägte Haltung.

Für Ruth Merckle ist die Soziale Marktwirtschaft eine auch aus christlicher Sicht ethisch verantwortbare Wirtschaftsordnung. Mit dieser Grundüberzeugung hat sie sich seit 1988 im Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer für den Dialog zwischen Wirtschaft und Kirche engagiert. Sie hat die Aktivitäten der regionalen Arbeitsgruppe des AEU in Württemberg von Anfang an unterstützt und die Gründung der Prälaturgruppe Ulm initiiert. Ruth Merckle hat die Entwicklung des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer von 1992 bis 2000 als Mitglied des Vorstandes sowie von 2000 bis 2006 als Mitglied des Kuratoriums entscheidend geprägt und unseren Arbeitskreis in besonderer Weise unterstützt und gefördert. Richtungsweisend war ihre Initiative zur Entwicklung von spirituellen Angeboten für Führungskräfte. "Es ist herausfordernd, als Christ in der Wirtschaft zu arbeiten. Wir sollten auch im Geschäftsleben von Gott reden und mit Gott rechnen", mahnte sie. Heute gehören Rüstzeiten, Retraiten und Pilger-Touren zum Markenkern und festen Angebot des AEU.

Über 30 Jahre arbeitete Ruth Merckle im Kirchenvorstand ihrer Heimatgemeinde in Blaubeuren mit. 1991 wurde sie - mit dem besten Ergebnis aller Nominierten - in den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt. In die von ihr mitgestaltete Amtsperiode bis 1998 gehörte u. a. die Wiedervereinigung der EKD mit dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR mit komplexen Diskussionen staatskirchenrechtlicher Fragen, wie z. B. dem Militärseelsorgevertrag. Ruth Merckle war es jedoch ein Anliegen, daß das Evangelium auch in den neuen Bundesländern verkündet und gelebt wird. Hierzu unterstützte sie mit großem Engagement die Jesus-Bruderschaft und den Aufbau des Klosters Volkenroda mit dem Christus-Pavillon, wo praktische Arbeit und gelebter Glaube eine organische Verbindung eingehen.

Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt dieser Ratsperiode war der Konsultationsprozeß zur Erarbeitung des gemeinsamen Worts des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. Der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer hat sich in zahlreichen Begegnungen und Veranstaltungen mit dem Text "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" auseinandergesetzt und auf die Notwendigkeit der Stärkung der Eigenverantwortung und die Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips hingewiesen. In einer biblischen Grundlegung dieses Textes heißt es u. a.: "Weil die Menschen in Jesus Christus bereits erlöst sind, brauchen sie sich in ihrer Lebens- und Weltgestaltung nicht selbst zu erlösen. Das befreit zu einem Handeln, das nicht länger der Sorge um sich selbst und der Absicherung durch Macht verpflichtet ist, sondern den Anforderungen der Sache und dem gegenseitigen Dienst." (RZ 94) Diese Haltung charakterisiert Ruth Merckle in treffender Weise.

Nach dem tragischen Tod ihres Mannes im Jahr 2009 hatte sich Ruth Merckle aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Doch verfolgte sie die positive Entwicklung des Verhältnisses zwischen Wirtschaft und Kirche mit Interesse und freute sich über "manch späte Blüte unserer Ideen". Nach einem Schlaganfall im Jahr 2015 war sie halbseitig gelähmt. Im Glauben an die Auferstehung formulierte sie bereits 2008 in ihren Gedanken zum Tod: "Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Voll Zuversicht glaube ich daran, dass Gott mich begleitet auf diesem Weg und mich hier schon das Licht erahnen lässt, welches mich drüben erwartet. Freilich, auch Jesus hatte kurzzeitig das Gefühl, verlassen zu sein." Am 30. April 2018 ist die evangelische Unternehmerin Ruth Merckle zwei Tage nach ihrem 81. Geburtstag zum himmlischen Vater heimgegangen.

 

OKR i. R. Hermann E. J. Kalinna - ein Nachruf

"Fürchte Gott, tue Recht, scheue niemand". Dieses Motto charakterisiert Leben und Wirken des lutherischen Theologen Hermann Edmund Johannes Kalinna in treffender Weise: 1929 in Düsseldorf geboren, studierte er in Bonn, Tübingen, Paris und Genf Theologie und Philosophie, ehe er nach Tätigkeiten als Vikar am (kirchlichen) Bodelschwingh-Gymnasium in Herchen und Synodalvikar beim Kirchenkreis Essen-Mitte sowie als Wissenschaftliche Hilfskraft an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn Pfarrer für ausländische Studenten an der Universität Seattle-Washington/USA wurde. Von 1962 bis 1966 war er Pfarrer an der Christuskirche in Bad Godesberg.

1966 wurde Kalinna zum Oberkirchenrat beim Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) berufen. Von 1977 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1994 nahm er die Aufgabe des Stellvertreters des Bevollmächtigten des Rates der EKD wahr. Insgesamt 28 Jahre wirkte Kalinna für die EKD am (damaligen) Sitz von Bundestag und Bundesregierung in Bonn, wo er u. a. die Kontakte zu Abgeordneten und Diplomaten pflegte. Um für seine Gesprächspartner als "Mann der Kirche" erkennbar zu sein, trug Kalinna stets einen Lutherrock - auch bei der Fahrt zur Arbeit auf dem Fahrrad. Kalinna warnte die Kirche vor einer Einmischung in die Tagespolitik: "Wer eine politisch einflußreiche Kirche will, der muß sich vor jeder Politisierung hüten. Wer in der Kirche Parteipolitik betreibt, macht die Kirche politisch unwirksam." Anläßlich seines Ausscheidens aus dem Dienst wurde Kalinna mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Im November 1994 übernahm OKR i. R. Hermann E. J. Kalinna die Aufgabe des Theologischen Beraters des AEU vom Initiator und Mitgründer des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer, Dr. Wolfgang Böhme. Als Theologe mit einem internationalen Horizont und versierter Kenner der kirchenpolitischen Verhältnisse arbeitete er an zahlreichen Positionierungen und Veröffentlichungen des AEU, u. a. "Die Kirchensteuer und ihre Verwendung" sowie "Soziale Marktwirtschaft als Wirtschafts- und Werteordnung" mit. Weiterhin kommentierte er Äußerungen der Kirche zu Fragen der öffentlichen Verantwortung, wie z. B. der Abschaffung des Buß- und Bettages oder der Haltung zur Sonntagsheiligung. Mit seinen klaren Positionen, seinen erklärenden theologischen Gesprächen sowie seinen überzeugenden Predigten hat Kalinna die inhaltliche Entwicklung des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer sechs Jahre entscheidend mitgestaltet und geprägt, bis er diesen Dienst im Jahr 2000 krankheitsbedingt aufgeben mußte. Durch seine Verbindlichkeit und Prinzipienfestigkeit ist es ihm gelungen, die Basis der Beziehungen zwischen der Evangelischen Kirche und ihren unternehmerisch tätigen Mitgliedern zu festigen und zu verbreitern.

Am 28. März 2018 ist der streitbare lutherische Theologe im Alter von 88 Jahren in Bonn-Bad Godesberg verstorben.

 

Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive

Als Anstoß und Grundlage für einen breiten Diskurs über die sich aus der digitalen Revolution ergebenden Fragen in evangelischer Perspektive hat der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer einen Impulstext "Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" erarbeitet und dem Vorsitzenden des Rates der EKD, Landesbischof Professor Dr. Heinrich Bedford-Strohm am 26. Januar 2018 am Rande der Ratssitzung in Wuppertal übergeben.

AEU fordert Digitalisierungsdekade

In diesem Text fordert der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer die Evangelische Kirche auf, sich mit der Energie, die sie für die Kommunikation des 500. Reformationsjubiläums in der Reformationsdekade aufgebracht hat, der aktiven Gestaltung der digitalen Revolution zu widmen. "Nach der Reformationsdekade muß nun die Digitalisierungsdekade kommen. Es gibt viele offene Fragen aus theologischer und ethischer Sicht, die einer Klärung bedürfen," erläuterte Friedhelm Wachs, Stv. Vorsitzender des AEU. Die Digitalisierung werde Folgen bis in jede Kirchengemeinde haben. Sie sei in vollem Gange und verändere Gesellschaft und Wirtschaft radikal, so Wachs.

Ratsvorsitzender würdigt AEU-Impuls

Der Ratsvorsitzende nannte den Impulstext des AEU einen wichtigen Anstoß für die weitere Debatte. "Die Digitalisierung steht jetzt ganz oben auf unserer Agenda. Das Thema bekommt eine andere Qualität und eine veränderte, stärkere Priorisierung", so Bedford-Strohm. Weiter machte der Ratsvorsitzende deutlich, daß sich die Evangelische Kirche mit den vielfältigen Aspekten der Digitalisierung auseinandersetzen und den Prozeß aktiv mitgestalten wolle. "Wir müssen die Chancen und die Risiken der Digitalisierung sehen und bewerten. Auf der Grundlage einer theologischen Durchdringung wollen wir vor allem die ethische Dimension der Digitalisierung in den Blick nehmen und diesen Prozeß gesellschaftlich begleiten. Für die Kirche besteht die Chance, sich als kompetenter gesellschaftlicher Akteur in die laufende Diskussion einzubringen und das Orientierungswissen der christlichen Tradition dabei fruchtbar zu machen."

Internetseite www.die-digitale-revolution-gestalten.de eingerichtet

Der Impuls des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer versteht sich nicht als ein abgeschlossener Text im Sinne eines Manifests, sondern soll im Lichte der dynamischen Veränderungen und neuer Erkenntnisse fortgeschrieben werden (können). Der Impuls will zur Auseinandersetzung und ethischen Reflexion mit den vielfältigen Aspekten der digitalen Revolution anregen. Auf der Grundlage des Dreiklangs "sehen - urteilen - handeln" lädt der Impuls dazu ein, Lebenssachverhalte zu beschreiben, relevante Fragen zu formulieren und durch die inhaltliche Auseinandersetzung eine fundierte Haltung zum (Veränderungs-)Prozeß der Digitalisierung zu entwickeln. Als Plattform für diesen Dialog wurde die Internetseite www.die-digitale-revolution-gestalten.de eingerichtet.

AEU-Forum "Digitalisierung" vom 27. bis 29. April 2018 in Fulda

"Die digitale Revolution gestalten - eine evangelische Perspektive" ist das übergreifende Schwerpunktthema des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer für die Jahr 2018 bis 2020. Im Rahmen des (zunächst) auf drei Jahre angelegten Diskursprojekts sollen die vielfältigen Aspekte der Digitalisierung in zahlreichen regionalen und überregionalen Begegnungen und Veranstaltungen diskutiert werden. Das bundesweite AEU-Forum "Digitalisierung" findet vom 27. bis 29. April 2018 in Fulda statt.

Impulstext          Pressemitteilung          Impressionen         

 

Laßt den Sonntag in Ruhe! - AEU zum dritten Gebot

Mit der Forderung "Laßt den Sonntag in Ruhe!" faßt Friedhelm Wachs, Stv. Vorsitzender des AEU, in einem Interview mit der Mitteldeutschen Kirchenzeitung "Glaube und Heimat" die vom Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer vertretene Haltung zu Sonntagsschutz und Sonntagsruhe zusammen. "Für Christen gilt das 3. Gebot: 'Du sollst den Feiertag heiligen.' Das Grundgesetz postuliert in Artikel 140: 'Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.' Es ist immer wieder sinnvoll, wenn sich Christen dieser Grundsätze vergewisserten", so Wachs.

Hintergrund dieses Interviews ist die vom Handelsverband Deutschland (HDE) getragene Initiative "Selbstbestimmter Sonntag", die auf eine vollständige Freigabe des Sonntags als Verkaufstag abzielt und damit einer Verödung der Innenstädte am Sonntag entgegenwirken und die Wettbewerbsposition des Einzelhandels gegenüber dem Online-Handel stärken will. Gegen diese Entwicklung positionieren sich zahlreiche kirchliche Initiativen (z. B. #unserSonntag ist uns #heilig) sowie von Kirchen und Gewerkschaften getragene "Allianzen für den Sonntag", die ihre Forderungen als "Anregung für die Tarifpartner" verstehen. "Der Kernauftrag der Kirche ist in meiner Wahrnehmung nicht, den Tarifpartnern Anregungen zu geben, sondern Gottes Wort zu verkünden und zu leben", so Wachs. "Für uns Christen ist es wesentlich, am Sonntag mit den Mitgliedern unserer Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Das geht nur gemeinsam. Deshalb bin ich daran interessiert, daß sich die Gemeinde versammeln kann und nicht anderweitig verhindert ist. Und meine Beobachtung ist: Je attraktiver der Gottesdienst, desto voller ist die Kirche."

Diese reformatorische Begründung des Sonntagsschutzes folgt Martin Luthers Auslegung zum dritten Gebot im Großen Katechismus: "…, was Gott in diesem Gebot von uns fordert, so merke, dass wir Feiertage halten nicht um der verständigen und gelehrten Christen willen, denn diese bedürfen nirgends zu, sondern erstlich auch um leiblicher Ursache und Notdurft willen, welche die Natur lehrt und fordert für den Gemeinden Haufen, Knechte und Mägde, so die ganze Woche ihrer Arbeit und Gewerbe gewartet, daß sie sich auch einen Tag einziehen, zu ruhen und erquicken. Darnach allermeist darum, daß man an solchem Ruhetage (weil man sonst nicht dazu kommen kann) Raum und Zeit nehme, Gottesdienstes zu warten; also dass man zu Haufe komme, Gottes Wort zu hören und handeln, darnach Gott loben, singen und beten."

Dr. Hermann Barth (1945-2017), der im Kirchenamt der EKD die Positionen zur öffentlichen Verantwortung der Kirche 25 Jahre lang geprägt hatte, wies bereits 1998 in einem Vortrag auf die offenkundige "Verlegenheit, den Sonntag sinnvoll zu füllen und zu gestalten", hin: "Nicht das, was Kirchen und Christen über den Schutz des Sonntags sagen, nicht das, was sie politisch fordern und betreiben, ist ausschlaggebend, sondern wie sie selbst mit dem Sonntag umgehen. Die Sonntagskultur - oder eben Sonntagsunkultur - im Erscheinungsbild von Gemeinden, Familien und Lebensführung des einzelnen spricht eine viel deutlichere Sprache als alle öffentlichen Erklärungen und synodalen Entschließungen. In diesem Zusammenhang kommt den Gottesdiensten am Sonntag eine besondere Bedeutung zu", so Barth.

Aktuell begründen die Evangelische Kirche, ihre Einrichtungen und Werke die Notwendigkeit des staatlichen Sonntagsschutzes zunehmend nicht mehr biblisch bzw. theologisch, sondern sozialpolitisch mit der Forderung nach "gemeinsamer freier Zeit" und der Möglichkeit zu "einer alternativen Tagesgestaltung, für die der Kirchgang symbolisch stehen kann", so Dr. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in seinem Beitrag "Ein Tag der Gemeinschaft".

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